Unternehmer-Porträt Domenico Anic

Domenico Anic trägt Dreitagebart und fast ebenso kurze Haare, dazu Jeans,
Turnschuhe, auf dem Hemdkragen eingeprägt: JURA DIREKT – der erste Eindruck:
sympathisch, natürlich, offen.
„Ich werde jetzt am 2. April 50, Ute ist 55, 10 Jahre Firma, fünf Töchter, mehrere
Jubiläen. Alles geschafft.“ Domenico Anic spricht schnell, leise, unaufdringlich
vehement, erzählt mit trockenem Humor.
Aufgewachsen als Kind von Einwanderern – seine Mutter ist Kroatin, sein Vater
Italiener, die Großmutter Polin – war ihm der Erfolg nicht in die Wiege gelegt. Im
Gegenteil: Nach der Trennung der Eltern lernte er am Vorbild seiner Mutter früh,
dass es im Leben auf fleißige Arbeit, verantwortungsbewusste Umsicht und schnelle
Reaktion ankommt. „Ihr Leben war ein täglicher Überlebenskampf. Sie hat die ganze
Zeit über bis nachts gearbeitet, und ich war mit meiner kleinen Schwester allein und
hab’ sie versorgt, gewickelt, gefüttert und erzogen. Im Prinzip war meine Kindheit zu
Ende“, sagt er. So lernte er zu akzeptieren, was ist. Sein Buch Es ist nicht immer
alles gut, aber richtig legt davon Zeugnis ab. Dass ihm niemand Grenzen setzte,
sieht er als Glück an.
Drogencafés, Prostitution, Gangs, Pädophile, Prügeleien im kriminellen Milieu seines
Viertels und in der Schule – ein Alltag, in dem Domenico auf sich allein gestellt, klein,
dünn, aber sportlich, schnell und wendig, lernte, sich zu behaupten. „Sicher hätte ich
kriminell werden und so schneller an mehr Geld kommen können, aber ich habe mich
für einen anderen Weg entschieden. Ich hatte einfach in mir den Wunsch: Ich will hier
raus. Mit 12 habe ich mich mit einem Getränkelieferservice selbstständig gemacht.“
Domenico Anic lacht spitzbübisch. Unternehmertum als Ausweg – eine Lösung, die
für ihn früh auf der Hand lag, immer vom Wohl des Kunden aus gedacht: Sie können
die Flaschen nicht tragen? Ich bringe sie nach Hause. „Kellnern, Eis verkaufen,
Kurierfahrer – es gab immer eine Einnahmequelle, die verhindert hat, dass ich etwas
Illegales machen musste“, sieht er rückblickend. Sich in neuen Jobs zu bewähren
beherrscht er aus dem Effeff. Er lässt sich gerne ins kalte Wasser werfen, orientiert
sich schnell, lernt rasch und schwimmt, ohne unterzugehen.
In einer Videoproduktionsfirma stand Domenico hartnäckig so lange in der Tür, bis
man ihn als Hilfskraft einstellte: „Am 1.11. hatte ich mir einen Festvertrag erkämpft,
zwei Monate später war ich Schichtleiter, sechs Monate später stellvertretender Abteilungsleiter,

eineinhalb Jahre danach Abteilungsleiter, zum Schluss Betriebsleiter
mit einigen Hundert Mitarbeitern.“ Domenicos Gabe, nicht nur schnell zu reagieren
und sich in alles einzufinden, sondern auch im Chaos dieses Betriebs ruhigen Bluts
den Überblick zu bewahren und an dieser Lebendigkeit Vergnügen zu haben, war die
ideale Voraussetzung für seine steile Karriere. Gelernt hat er durch Learning by
doing vor allem Mitarbeiterführung, Technik, Prozessabläufe.
Mit 25 stellte er sich die Frage, wie es in seinem Leben weitergehen sollte, sah, dass
seine Praxiserfahrung ohne theoretischen Überbau auf Dauer nicht genügte, und
machte eine mehrjährige Fortbildung zum Betriebswirt. Als ihn das den Job kostete,
verhandelte er gelassen eine Abfindung und Lohnfortzahlung und suchte mit 27 den
nächsten persönlichen und fachlichen Entwicklungsschritt: verkaufen lernen. Als
Finanzdienstleister wagte er den Sprung ins kalte Wasser, wurde auch hier schnell
erfolgreich, lebte aber über seine Verhältnisse. Nebenbei stellte er als freier Berater
die ehemalige Videoproduktionsfirma auf DVD um – nicht ohne seelisch Federn zu
lassen, als er Mitarbeitern kündigen musste. „Ich kannte sie alle, hatte viele damals
auch eingestellt, zum Teil habe ich sie zur Tür begleitet und musste mir natürlich ihre
Beschimpfungen anhören. Wirklich schrecklich.“ Sein Vertrag wurde immer nur
quartalsweise und meist am letzten Tag verlängert, bis man ihn kurz vor
Weihnachten 2003 abservierte.
Erfahren im Kundengespräch und Verkauf, versuchte er sich anschließend im
Network-Marketing, lernte, Vorträge zu halten und zu begeistern, aber mit dem Erfolg
wuchsen die Skrupel. „Sie müssen damit leben können, als Mensch ständig unecht
zu sein und jedem jeden Tag zu erzählen, dass er nächste Woche reich werden
kann. Sie sind ständig auf der Jagd. Sie selbst wissen bei jedem Vortrag, dass Sie
manipulativ sind“, räumt er ein.
Anfang 2004 geriet Domenico Anic zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Zudem
kriselte es in der damaligen Ehe. Er sah die Insolvenz auf sich zukommen, jobbte im
Fischrestaurant, suchte eine Anstellung. Bei einem Finanzdienstleister für private
Krankenversicherungen gelang ihm der rettende Coup: Als eine
Vertriebsservicemanagerin für längere Zeit ausfiel, nutzte er die Gelegenheit, sie zu
vertreten, und erklärte Ende August, dass er sich bereits die Provision für den
ganzen Monat verdient hätte. „Somit habe ich am 13. September meine 3100 Euro
plus die 1800 Provision bekommen und konnte am 15. September die erste 2500 Euro-Rate zahlen.“

Von da an war er sofort – viel früher als üblich – Servicemanager,
machte den stärksten Umsatz und erhielt die Provision jeden Monat. Der Kampf ums
Überleben und Arbeiten fast rund um die Uhr hatte Domenico völlig aufgesogen –
wie einst seine Mutter. „Ich war hoch motiviert, das zu schaffen. Und am 31. August
2008 hab’ ich den letzten Euro zurückbezahlt. Ich hab’ in diesen drei Jahren
gearbeitet wie verrückt“, sagt er.
Inzwischen war seine erste Ehe geschieden, seine drei Töchter lebten mit der Mutter
in München, und Ute war in sein Leben getreten: Liebe auf den ersten Blick beim
Vorstellungsgespräch in ihrem Hotel-Restaurant. Seitdem sind beide unzertrennlich,
haben 2009 geheiratet und sich mit fünf Töchtern zur großen Patchwork-Familie
konsolidiert. Ein wichtiger Schritt für sie: der Umzug nach Nürnberg. Endlich waren
beide zusammen in derselben Stadt und kurz darauf sogar beim selben
Finanzdienstleister. Ihr Ziel war es, eine Regionaldirektion aufzubauen, um mehr zu
verdienen. „Das haben wir auch erreicht, 2009, 2010 liefen super. Wir hatten drei
Niederlassungen aufgebaut: Regensburg, Würzburg und Nürnberg mit sehr gutem
Umsatz. Aber 2010 ging es los, dass ich mich nicht mehr verbiegen konnte. Ich hab’
den Job mittlerweile gehasst. Ich musste da raus“, erzählt Domenico.
Er mietete sich eine abgewrackte Bude und ließ seiner Kreativität freien Lauf: „Ich
hatte dort meine Ruhe und hab’ eine Geschäftsidee nach der anderen entwickelt, 17,
18 reife Ideen“, sagt er und zählt einige auf. Anfang 2011 suchte Domenico einen
Referenten für einen Vortrag vor seinen Krankenversicherungskunden und stieß auf
das Thema Pflege, Erben, Schenken und Vollmachten. An der Reaktion der Zuhörer
sah er: Das ist die Idee! Seine Marktforschungsumfrage ergab das Folgende:
„Erstens: Der Bedarf liegt bei 100 Prozent. Zweitens: Die Leute wollen das machen,
aber nicht zum Anwalt gehen. Drittens: Sie befürchten, dass die Kosten ins
Bodenlose gehen. Viertens: Sie möchten sicher sein, dass die Vollmacht den
jeweiligen Gesetzesänderungen angepasst wird“, zählt Domenico auf. „So ist die
Idee entstanden: Wir kommen nach Hause, nehmen alle Wünsche auf und tragen sie
zum Anwalt, der die Vollmacht erstellt. Wir verschicken sie dann per Post und bieten
einen Rundum-Service, was Aktualisierung und Notfall-Betreuung betrifft.“
Das neue Geschäftsmodell JURA DIREKT war geboren: Vollmachten erstellen über
einen Anwalt zum günstigen Festpreis von 200 Euro und ein dauerhafter
Jahresservice für 44 Euro als Flatrate mit 18 verschiedenen Leistungen wie zum Beispiel

jede Aktualisierung, jede Neuerung, Notfallbegleitung,
Beglaubigungsservice, Schlüsselkarte, Notfallkarte, 24-Stunden-Notfall-Hotline
weltweit – ein Sorglos-Kümmer-Service, den kein Anwalt oder Notar bietet,
sozusagen der ADAC für Menschen. „Wir haben mit sieben Servicepunkten
angefangen und dann aus den Bedürfnissen der Kunden weitere dazu entwickelt.
Jetzt haben wir 18“, erklärt er.
Domenico Anic wusste, dass er sich längst vom Geschäftsführer zum Unternehmer
entwickelt hatte und konnte Ute überzeugen mitzuziehen. Mit ihr an seiner Seite,
wusste er, würde der Erfolg kommen – er als vorwärtsdrängender Ideen-Entwickler
und Vertriebsmensch, sie als menschenverbindende Personalentwicklerin, die, wenn
nötig, auch mal auf die Bremse treten und ihn erden kann. Domenico wollte mit Ute
auf ein gemeinsames Lebenswerk zurückblicken können. „Deshalb habe ich alles
dafür getan, mit ihr zusammen diesen Weg zu gehen. Ich weiß, dass ich sie da
reingeworfen habe. Ich kam nach Hause und hab’ gesagt: ,So, jetzt machen wir
etwas mit Vollmachten.‘“
Sie gründeten ihr Unternehmen JURA DIREKT, mit dem sie am 1. Juli 2012 zu zweit
auf 400 Quadratmetern starteten. „Wir legen jetzt richtig los, die nächsten drei Jahre
bin ich nicht da“, sagte Domenico ihr zu Beginn voraus, baute 25 Standorte
bundesweit auf, die von Regionsverantwortlichen aus dem Homeoffice geführt
wurden, ein kompliziertes Franchise-System, das schnell zum Lizenzpartner-System
wurde. Die für den Standort verantwortlichen Franchise-Nehmer hatten die Aufgabe,
ihre Kontakte zu nutzen, um ein Netzwerk vor Ort aufzubauen. Wer sitzt beim
Kunden, redet über ein Vorsorgethema und könnte das Thema rechtskräftige
Vorsorge und Vollmachten mitansprechen? Finanzdienstleister, das wusste
Domenico aus eigener Erfahrung. Die Jahre in der verhassten Branche zahlten sich
für ihn aus und auch die Erfahrungen, die er davor in Produktionsprozessen,
Beratung, Verkauf und Vertrieb gemacht hatte, flossen mit ein.
Inzwischen arbeitet JURA DIREKT noch mit zehn Regionsverantwortlichen und 40
Leuten in der Hauptverwaltung zusammen, die Ute Anic zu Service-
Lieblingsmenschen schult. Ihre Gastgeber-Mentalität als frühere Restaurantleiterin
lässt sie bei allen Mitarbeitern ein Augenmerk darauf haben, dass Kunden sich
wohlfühlen, gerne noch mal anrufen, sich rundum perfekt betreut sehen. Sie wird im
Unternehmen als „Mama JURA DIREKT“ angesehen – herzlich, empathisch, fürsorglich.
Zehn Jahre lang haben sie verzichtet, investiert, aufgebaut, Gerichtsprozesse gegen
Anwaltskammern durchgestanden, Herzblut und Fleiß eingebracht, in einer
ausgerufenen Gesundheitskrise Nerven bewahrt und ihre Mitarbeiter in familiärer
Atmosphäre zusammengehalten. Vor allem aber haben sie eins erreicht: Es ist ihnen
gelungen, ihre unterschiedlichen Fähigkeiten als Ergänzung zu sehen, aus der
Quelle ihrer gemeinsamen Liebe eine harmonische Patchworkfamilie und ein
sinnstiftendes Unternehmen zum Blühen zu bringen und Mitarbeiter, Kunden,
Partner, alle, die ihnen begegnen, in ihrer tiefen Menschlichkeit zu beheimaten.

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