Stabilität bewahren

Gedanken zum Wert Disziplin

„Ich nehme jeden Tag 74 Stufen bis zur dritten Etage, den Fahrstuhl nutze ich nur zum Runterfahren oder um Einkäufe zu transportieren.“ Mit bald 80 Jahren ist sie immer noch schlank und beweglich, wirkt sportlich-elegant. Statt sich nach dem Mittagessen ein Nickerchen zu gönnen, unternimmt sie lieber ausgedehnte Spaziergänge im nahe gelegenen Park. Als Krankengymnastin weiß sie, wie wichtig es ist, sich im Alter möglichst lange seine Muskelkraft zu erhalten.

Viele ihrer Mitbewohner im Altersheim sind bereits auf Hilfe angewiesen, müssen darauf warten, von anderen an einen anderen Ort bewegt zu werden. „Kranke oder gebrechliche Menschen waren immer mein beruflicher Lebensinhalt. Ich sehe die Bewohner im Rollstuhl und weiß, das kommt alles irgendwann auf mich zu. Deshalb bin ich dankbar, dass ich noch laufen kann und in diesem schönen Ambiente wohne“, sagt sie und genehmigt sich ein kleines Stück Käsekuchen.

Sie erzählt mir von ihrem Leben, ihrer behüteten Kindheit, von Krieg und Flucht, vom Ankommen und Sich-Beheimaten, immer wieder aus Neue. Ich höre zu und ahne, was sie durchs Leben getragen hat: Liebe, Gottvertrauen, Willensstärke. Noch heute klingt ihr die Stimme ihrer geliebten Großmutter im Ohr, die ihr ans Herz legte, sich einen engen Freundeskreis aufzubauen und zu pflegen, um der Einsamkeit zu entgehen. Noch heute hört sie ihre Mutter sagen: „Du musst lernen, an deine innere Stimme zu glauben und Vieles mit dir selbst auszumachen.“ Sie kennt die Trauer und das Gefühl, vor dem Nichts zu stehen. Sie hat an sich gearbeitet. Sie lässt sich nicht gehen.

Von ihr lerne ich, dass Disziplin eine innere Kraft ist, die uns hilft, Durststrecken zu überstehen und die eigene Stabilität zu bewahren. Eine Kraft, die durch Kontinuität im Üben wächst. So wie sie heute noch ihre Muskeln übt und kräftigt, so übte sie in Lebensumbruchszeiten schmerzliche Gefühle auszuhalten, ohne zu verzweifeln, und sich nicht in negativen Gedanken zu verlieren, sondern dem Strudel des Ideensogs etwas entgegenzusetzen, sich zu entscheiden, bewusst nach Vorne zu blicken. Wenn wir Körper, Seele und Geist nicht gänzlich den eigenen Gesetzen folgen lassen, nehmen wir unser Menschsein immer mehr in die Hand.

Noch heute arbeitet sie ehrenamtlich, begleitet andere, die schlecht sehen können, zu Terminen, eine strahlende Persönlichkeit, interessiert, weltoffen, liebevoll.

„Ein disziplinierter Geist führt zu positivem Handeln.“ (Dalai Lama)