Sein letzter Brief

Gedanken zum Wert Ehrgeiz

Nachts tritt der Alte ans Fenster und blickt auf den See. Über ihm blaut das Firmament, kühles Licht umhüllt Land und Wasser. Der Baum zweigt reglos. Kein Laut ertönt.

Sein Herz schlägt wieder ruhig, als er das Fenster öffnet, gierig Frische atmend. So ist es also, wenn das Ende näher kommt, denkt er. Still. Ich im Spiegel des Alls. Ich lebe noch, bin stark und aufrecht. Wurzele tief, wachse und trage Früchte. Dunkelt es noch oder glänzt der Tag bereits herauf? Geht eines ruhig ins andere hinüber? Was bleibt, was nehme ich mit, was hinterlasse ich?

Er zieht einen Stuhl an den kleinen Tisch heran und lässt sich langsam nieder. Er zündet eine Kerze an, nimmt Stift und Papier zur Hand und schreibt:

„Liebe Anni, ich wünschte, ich könnte schreiben. Ich würde dir von meinem Leben erzählen, von allem, was mir wichtig war, was ich erreichen wollte und was ich versäumt habe. Vielleicht würdest du dich freuen, von mir eine Geschichte zu bekommen, die du wieder und wieder lesen könntest, wenn ich längst nicht mehr bin? Ein Buch würde es wohl werden. Oder wenigstens ein halbes.

Ich war nicht immer alt, hatte Erfolg im Beruf und bei den Frauen, nicht nur bei Großmutter, weißt du? Manches war schwer, aber ich bin damit weitergegangen, vieles Wunderbare habe ich erst spät schätzen gelernt. Jetzt bin ich lange allein. Versöhne mich mit mir. Du strebst ehrgeizig Ziele im Außen an. Ich lerne nach innen. Ich wünschte, ich könnte schreiben. Für dich will ich es lernen, üben, noch versuchen. So verfolge ich wieder ein neues Ziel, fühle neuen Elan.

Was wirklich zählt, fragst du manchmal. Das unermüdliche Wachsen und Reifen auf dem Weg zu dir, denke ich. Das macht dich zu einer tiefen Persönlichkeit. Und die aufmerksame Liebe zu allem, was über uns, unter uns und neben uns am Leben teilhat. Lass dir immer Zeit dafür, dein Herz zu befragen. Wir sehen uns bald, und ich hoffe, dir dann vielleicht schon ein Kapitel aus meinem Lebensbuch vorlegen zu können. Ich bin glücklich, dir solch ein persönliches Geschenk zu machen. Die Idee beflügelt mich. Ich werde mir jetzt einen Kaffee kochen, eine Kleinigkeit essen und mich gleich ans Werk machen. Es grüßt und küsst dich liebevoll, Dein Großvater Julius.“

Er legt den Stift in das Holzkästchen, faltet den Bogen und löscht die Kerze aus. Rauchschwaden ziehen hinaus. Eine Drossel singt ihr Lied weit über den See. Bald bricht der neue Tag an. Fröstelnd schließt er das Fenster, als ihm der Schmerz jäh in den Arm fährt.

„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist, soll man in einer neuen Schüler werden.“ (Gerhard Hauptmann)

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