Respekt

Gedanken zum Wert Bravour

„Das war sehr schön, vielen Dank! Ich wünsche mir öfter solche Träumereien am Klavier.“ Die alte Dame überreicht mir einen Strauß Osterglocken. „Die habe ich eben noch schnell aus meinem Zimmer geholt.“ Sie strahlt. Ich bin gerührt. Meine Mutter weint.

Die Premiere meiner Idee, Musik und Literatur im Altersheim zu kombinieren, war ein voller Erfolg. Eine Stunde lang spielte ich Oldies, Evergreens und Chansons auf dem Klavier und las zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Programms passende Textstellen aus Autobiografien vor – ein sentimental journey, eine Reise in die Welt der Erinnerungen. Einige der Bewohner griffen meine Anregung auf und brachten spontan eine Erinnerung zu Papier, andere erzählten sie mir nach Ende der Veranstaltung und auch noch am nächsten Tag.

Für einen Moment fühlten sie sich zurückversetzt in die Zeit der ersten Liebe, erinnerten sich an glückliche und unbeschwerte Tage und auch an Abschiede und Zeiten, die ihnen ihre ganze Tapferkeit und Geduld abverlangten. Bei einem Glas Wein oder einem Becher Kakao träumten sie, den Rollator vor der Tür geparkt, im Sessel, auf dem Sofa oder im Rollstuhl mit Schnabelbecher und Strohhalm, jeder nach seinem Vermögen, vor dem Kamin, sahen in die Flammen und hingen ihren Gedanken nach, auf den Spuren des eigenen Lebens. Obwohl ich ihnen angeboten hatte, die Musik als stimmungsvolle Hintergrundmusik aufzufassen und sich ruhig zu unterhalten, war es mucksmäuschenstill. Niemand ist eingeschlafen, niemand gegangen. Die Stimmung war zauberhaft.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit wir miteinander haben, ob und wie wir alt werden. Wer interessiert sich dann noch für uns und unsere Geschichten? Wer achtet und schätzt uns, wer liebt uns? Wie bewahren wir unsere Würde und würdigen unser Leben?

Eine Bewohnerin schrieb auf ihren Feedbackbogen: „Das Programm hat mir gefallen, weil wir reich im Geist sind.“ Manche können nicht mehr schreiben, viele können nicht mehr laufen, alle sind hilfsbedürftig und können ihr Leben nicht mehr ganz allein bewältigen. Und alle sind reich im Geist. Alle sind reich an Lebenserfahrung und greifen mühelos auf den Schatz ihrer Erinnerungen zurück. Alle haben ihr Leben gemeistert, trotzen den Beschwernissen des Alters und der spürbar werdenden Einsamkeit inmitten der Gemeinschaft. Sie bewältigen mit Bravour die letzte Wegstrecke, Meister der eigenen Biografie, auf dem Weg, ganz sie selbst zu werden. Respekt.

„Das eigentliche Lebensglück, das in geistiger Ruhe und Zufriedenheit und seelischer Geradheit und Sicherheit besteht, darf man nie einem Menschen zusprechen, ehe man nicht gesehen hat, wie er den letzten und zweifellos schwierigsten Akt im Schauspiel seines Lebens spielt.“ (Michel de Montaigne)

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