Poesie- und Bibliotherapie

Gedanken zum Wert Bescheidenheit

Vor einigen Tagen hat meine Weiterbildung als Poesie- und Bibliotherapeutin begonnen. Zum ersten Mal im Leben schrieb ich Gedichte, verdichtete Sprache. Wir lernten Formen kennen, wir lernten uns kennen. Bescheiden begebe ich mich wieder auf den Weg der Schülerschaft. Sprache wirkt, kann verletzen und auch heilen. Jedes Wort zählt. Wir sind aus dem klingenden Wort. Es wirkt in uns nach und durch uns durch. Wir schreiben, hören, sprechen, erleben und reflektieren. Dichtung bringt uns einander nah. Dichtung bringt uns zu uns selbst.

Im Alltagsgetriebe verlieren wir die Ruhe, lesend und schreibend kommen wir zu uns, werden still und nehmen die Welt, uns selbst und uns in der Welt wieder in den Blick. Verschüttete Gefühle steigen auf, kommen zu ihrem Recht. Wir bewegen uns, skizzieren Bilder, hören uns zu, geben uns Raum. Wir tragen vor, was andere dichteten, und versuchen uns selbst darin, Sprache und Form zu gestalten. Eindruck und Ausdruck im Wechsel von Erleben und Erkenntnis. In meinen Zwanzigern war ich Künstlerin, gestaltete Sprache und Musik in bewegter Choreografie, leichtfüßig, von der Muse geküsst. In meinen Dreißigern war ich Wissenschaftlerin, studierte Sprache und Musik in Geschichte und Theorie, suchte Erkenntnis. In meinen Vierzigern erlebte ich Rollen und Karrieren, Höhen und Abstürze, sammelte Lebenserfahrung, erfand mich neu, entwickelte und vertiefte mich weiter. In meinen Fünfzigern entdecke ich alles in mir wieder, knüpfe an Vielfalt und Reichtum an und gebe mich der Welt. Erntezeit.

Haiku
„Boote schaukeln sanft.
Sonne bleibt Intermezzo.
In mir wird es Herbst.“ (Dr. Heike Jacobsen)