Pflegenot

Gedanken zum Wert Bequemlichkeit

„Ich hab Durst“, flüstert meine Mutter. Sie sitzt mit gesenktem Kopf im Rollstuhl am Gruppentisch und starrt auf ihren Schnabelbecher, aus dem ein Strohhalm ragt. Ich reiche ihr den Becher und sie nimmt ein Schlückchen Wasser in den Mund. Heute bin ich bereits am frühen Morgen losgefahren, um sie in ihrer weit entfernten Rehaklinik zu besuchen, dort, wo sie sich von den Strapazen der letzten Monate erholen und Kraft und Beweglichkeit wiedergewinnen soll. „Sie müssen mehr trinken“, fordert eine Schwester sie im Vorbeigehen auf, während sie einer Patientin ein Tablett mit Kartoffelpüree, Möhrenpüree und Rührei an den Platz stellt und einen kleinen Becher mit Tabletten hinzufügt. Im Flur piepst es aus einem der Zimmer, vor denen eine rote Signallampe seit geraumer Zeit daran erinnert, dass jemand auf Hilfe wartet. Meine Mutter sitzt mit eingefallenem Mund da und kaut ihr Wasser. Sie schließt die Augen, zu schwach zum Trinken, zu erschöpft, um den Becher selbst zum Mund zu führen. Ihre Hand ruht in ihrem Teller, unter den Fingernägeln Bratensauce, vermute ich. Im Flur klärt ein älterer Pfleger seine junge Kollegin darüber auf, dass heutzutage der Zustand der Patienten bei der Entlassung aus der Reha schlechter ist als früher bei ihrer Aufnahme. Früher ging man zur Kur, erhielt Massagen, Bäder, Wickel, Ernährungsberatung. Ein alter Mensch geht zur „Anschlussheilbehandlung“. Heil wird er dort aber nicht. Es reicht mir.

„Ich habe ihre Mutter erfolgreich lumbalpunktiert und die Medikamente umgestellt. Wir versuchen es jetzt eine Woche lang mit Anti-Epileptika, wenn das nicht hilft, könnte man noch eine ganze Liste abarbeiten“, hatte der Chefarzt mir selbstzufrieden mitgeteilt. Wie viel meine Mutter unter seiner Obhut weiterhin abgenommen hat, konnte er mir nicht sagen. Er blätterte in der Patientenakte, las mir lateinische Fachbegriffe vor, die mich nicht beeindruckten. Das Ileostoma hat sie längst nicht mehr, dachte ich. Wenn man Ihnen nichts zu trinken gibt, ist Ihr EEG auch nicht in Ordnung, dachte ich.

Heute ist er nicht im Haus, erfahre ich, auch wenn täglich „Visite Chefarzt“ neben Ergotherapie, Sitzfahrradfahren und Gruppengymnastik auf dem Stundenplan meiner Mutter steht. „Meine Mutter ist nicht mehr rehafähig, es geht ihr schlechter als vorher und ich will, dass Sie sie sofort notfallmäßig ins Krankenhaus entlassen“, herrsche ich den Oberarzt an, der durch den Flur eilt. „Dazu sehe ich keine Veranlassung, das werde ich nicht tun. Die Kasse hat der Verlängerung zugestimmt“, antwortet er gelassen. Ich erhebe meine Stimme: „Aber ich sehe die Veranlassung. Meine Mutter verdurstet hier vor vollen Bechern, bisher habe ich noch von einer Strafanzeige abgesehen, nachdem sie ein Pfleger im Bad gegen die Wand fallen ließ. Sie wird noch heute ins Krankenhaus entlassen!“ Der ältere Herr, der seine Frau mit Kompott füttert und nebenbei ihr Schnitzel aufisst, sieht zu uns herüber, die Pfleger, die hinterm Glaskasten den Zustand der Patienten schriftlich dokumentieren, blicken hoch. „Dann müssen Sie sich selbst darum kümmern, ob ein Krankenhausbett in Ihrer Stadt frei ist. Ich gehe jetzt zum Mittagessen.“ „Natürlich. Guten Appetit. Wir packen jetzt!“ „Nimm mich mit. Nimm mich mit“, ruft eine Dame, die immer am Tisch sitzt, wenn ich da bin. Sie hat wohl niemanden, der sich im Alter für sie einsetzt. Keine Kinder. Wie ich.

Ein Anruf genügt. Der Pfleger organisiert den Krankentransport, lässt zu spät seinen Charme spielen. Ich lege meine Mutter ins Bett, sie hat noch eine lange Fahrt vor sich. Sie schläft sofort ein. Nach gut zwei Stunden treffen wir uns in Essen vorm Krankenhaus. Meine Mutter wird von dem Professor, der sie in den letzten acht Monaten dreimal operiert hat, wieder aufgenommen, mangelernährt, dehydriert, um 30 Kilogramm leichter. Ein Häufchen Elend. „Na, Sie sind aber dünn geworden. Da wollen wir mal sehen, was wir für Sie tun können.“ Er legt sofort einen Zugang für eine Infusion. Meine Mutter lächelt. Ich atme auf. Es gibt wieder Hoffnung.

„Solange wir jung sind, arbeiten wir wie die Sklaven, um uns etwas zu schaffen, wovon wir bequem leben könnten, wenn wir alt geworden sind. Und wenn wir alt sind, merken wir, daß es zu spät ist, so zu leben.“ (Alexander Pope)