Originale

Gedanken zum Wert Dauerhaftigkeit

„Wohnen Sie eigentlich jetzt auch hier?“, fragt mich die alte Dame im Fahrstuhl der Seniorenresidenz. „Nein, aber ich besuche meine Mutter jeden Tag.“ „Ach Gott, das ist ja ein Vollzeitjob“, stöhnt sie und zieht geringschätzig die Augenbrauen hoch, bevor sie mir die kalte Schulter zeigt und aussteigt. Im dritten Stock zieht der Duft nach Apfelpfannkuchen und Zimt über den Flur. Ihre Schuhe quietschen auf dem Parkettboden. Sie läuft noch ohne Gehhilfe, bewohnt ein kleines Apartment, isst mittags im Restaurant. Danke, ich wünsche Ihnen auch einen schönen Tag, denke ich. Vielleicht ist sie neidisch? Vielleicht hat sie niemanden mehr, der sie besucht, wenigstens für eine Stunde am Tag.

Ich steige im vierten Stock auf der Pflegestation aus. Hier wird gemeinsam gegessen, jeder bewohnt ein Zimmer, mit eigenen Möbeln und Bildern zur letzten Heimat gestaltet. Der Mittagstisch ist bereits gedeckt. Der Wagen mit dem warm gehaltenen Essen steht neben der Anrichte. Auf dem Schreibtisch, dem Zentrum des kombinierten Ess- und Büroraums, sendet ein liegen gebliebener Pieper in regelmäßigen Abständen schrille Alarmtöne. Eine Pflegekraft kommt an mir vorbei: „Hallo. Alle sind im Wohnzimmer. Wir haben gerade einen Notfall.“ Meine Mutter kann es nicht sein, denke ich, sie hat sich gut erholt, ist vergnügt, hält ihr Gewicht von knapp 50 kg. Manchmal wirkt sie sehr müde und zart. Ich weiß nicht, ob ihre Seele sich schon bereit macht, sich aufzuschwingen, von allem zu lösen, um die letzte Reise anzutreten. Ich glaube, sie hält noch am Leben fest. Ich hoffe es.

Im Wohnzimmer sitzt mein Lieblingsbetreuer mit allen Bewohnern im Kreis, die meisten im Rollstuhl, andere in Sesseln und auf dem kleinen Sofa. Meine Mutter starrt wütend ihre Nachbarin an, die permanent „Hallo, hallo, bitte, bitte“ vor sich hin spricht. Während er das Ende der Geschichte vorliest, herrscht sie sie an: „Jetzt hören Sie doch mal auf zu stören!“ Ich überrasche sie mit einem Kuss. „Schätzchen!“, freut sie sich, um sich gleich darauf zu beschweren: „Die quatscht immer dazwischen, furchtbares Blag!“ Der Betreuer lacht: „Ja, da kommt die Lehrerin zum Vorschein! So, meine Damen und Herren, bevor wir zum Mittagessen aufbrechen, lassen Sie uns noch gemeinsam an Herrn K. denken und ein Gebet für ihn sprechen.“ „Ist er im Krankenhaus?“, flüstere ich meiner Mutter ins Ohr. „Heute Nacht gestorben. 93.“ Gestern lief er noch mit dem Rollator über den Flur, zwinkerte mir zu. Ich mochte ihn, kann kaum glauben, dass er plötzlich nicht mehr hier ist.

„Hallo, hallo, bitte, bitte!“ Meine Mutter verdreht die Augen. „Amen. Pscht!“ Die alte Dame auf dem Sofa gegenüber ist aufgewacht: „Ist es schon so weit?“, brüllt sie und gähnt. Der Betreuer geht zu ihr und ruft direkt in ihr fast taubes Ohr: „Wir gehen jetzt etwas Leckeres essen, ich hole Ihren Rollator.“ „Was? Hab ich nicht verstanden!“, schreit sie zurück und legt ihr Gebiss auf den Tisch. Ich ziehe den Rollstuhl meiner Mutter rückwärts über den Teppichboden. „Wir gehen schon mal vor, ja? Nimmst du deinen Becher mit?“ Im Flur stellt sich uns Frau Dr. S. in den Weg: „Machen Sie heute mal wieder so eine Träumerei am Klavier?“ Langsam läuft sie neben uns her, einen Regenschirm als Gehhilfe an ihrer Seite. „Ja, um 19 Uhr in der Bibliothek.“ „Schön! Ich freu mich.“ Sie strahlt und fragt wie so oft: „Sie sind doch auch promoviert? “„Ja.“ „Moi aussi“, ist dann immer ihre Antwort, wobei sie Beifall heischend nickt und sich mit dem Zeigefinger bedeutungsschwer auf die Brust tippt. „Wissen wir schon“, murmelt meine Mutter und zieht energisch an ihrem Strohhalm.

„Die größte und dauerhafteste Revolution, die wir kennen, fand statt, als der Mensch seine Seele entdeckte und lernte, dass jede Seele für sich allein einen individuellen Wert hat.“ (John E. Steinbeck)

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