Mutter

Gedanken zum Wert Behaglichkeit

Vor einigen Tagen war ich zum zweiten Mal in meiner zukünftigen neuen Dachwohnung. Sie ist jetzt für mich reserviert und ich hoffe, dass diese Wohnung ein Zuhause wird, mein Zuhause. Noch sind die Wände ungestrichen und kahl, die Räume kühl und leer.

In dieser Wohnung werde ich mich ausbreiten, leben, schlafen, sie mir zu eigen machen, an meinem großen Schreibtisch arbeiten und auf dem kleinen Glastisch Artikel und Papiere stapeln, die ich aus Zeitungen ausgerissen habe. Ich werde kochen und mit alten und neuen Freunden reden und lachen. Ich werde alle Bücher auspacken und mich freuen, dass sie wieder bei mir sind, die lang vermissten, dann mein Klavier vorsichtig bespielen, bis es sich wieder so vertraut anfühlt wie in meiner Kindheit. Und irgendwann werde ich in dieser Wohnung einsam sein und um dich trauern, allein zurückgeblieben, ganz verlassen und sehr verloren.

Dann muss sie bereits Heimat geworden sein, mich auffangen mit Wärme, mit meinem großen Bett, einem bequemen Sofa, Kissen, weichen Decken, Kerzen. Vielleicht keine Musik, besser nicht. Musik kann alle Schleusen öffnen und Dämme einreißen. Wer soll mich halten? Vielleicht einfach Ruhe. Erinnerung.

„Das Erlebte weiß jeder zu schätzen, am meisten der Denkende und Nachsinnende im Alter; er fühlt mit Zuversicht und Behaglichkeit, dass ihm das niemand rauben kann.“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Es wird mir unerträglich sein und doch werde ich es ertragen. Bleib noch ein bisschen. Lass uns noch gegenwärtig sein, bevor du gehst und ich Abschied nehmen muss. Schenken wir uns noch gemeinsame Erinnerungen, kostbar, unvergänglich, in dieser und in der anderen Welt. Das hoffe ich. Die Nacht ist hell, bald ist Mittsommer, zwei leuchtende Sterne stehen nah beieinander am Abendhimmel. Liegst du bequem und atmest du leicht? Schlaf gut. Bis gleich.