Lesewelten

Gedanken zum Wert Bewusstsein

„Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf – und es war alles, alles gut!“

Diesen letzten Satz aus Eichendorffs Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts hörte ich früh und oft von meinem Vater, der mit Begeisterung zitierte, rezitierte und vorlas, was ihn bewegte. Seitdem durchziehen unter vielen anderen auch diese Worte „und es war alles, alles gut“ den Strom meines Bewusstseins, mischen sich unter den Ton der Verzweiflung in Rilkes erster Duineser Elegie, die anhebt: „Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein“, und von der ich mich in Stunden der Mutlosigkeit verstanden fühle. Ich sehe mich in der ersten Wohnung meiner Eltern, auf dem Schoß meiner Mutter sitzend, zuhören und in einen träumerischen Rhythmus versinken: „Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und sie nähte …“

Bücher erschließen Welten, Gedankenräume öffnen sich, die Stimme des Autors spricht zu mir, nimmt mich mit. Worte wiegen mich, ich erkenne mich in ihnen, sie tragen mich, heilen meine Einsamkeit durch freundlichen Zuspruch, erweitern meine Erkenntnis durch großartige Ideen, lassen mich teilhaben und andere Räume als meinen eigenen Bewusstseinsraum betreten, geben mir Zugang zu fremden Gedanken und Gefühlen, die in mir widerklingen. Bücher sind Zufluchten, in die ich mich seit den ersten Leseabenteuern zurückziehen und jederzeit wie in eine zweite Wirklichkeit eintauchen konnte. Ob ich mit dem kleinen Kadi durch Bagdad reiste oder mit Momo die Zeitdiebe besiegte: Bücher bedeuten Freiheit. Ich fürchtete mich vor dem Golem und liebte die Klugheit Pater Browns. Ich esse Worte, manche verschlinge ich ungeduldig, manche genieße ich, versenke mich still in sie, lasse sie mir auf der Zunge zergehen. Literatur nährt und heilt, erinnert mich daran, dass ich mit Seele und Geist der Sternenwelt angehöre, Literatur ist Lebenselixier.

Jedes Kind hat ein Recht auf die Welt der Literatur, ja, auf Weltliteratur. Jeder Mensch kann für jede Lebenslage die passende Lektüre finden, die ihn bereichert, ablenkt, berührt und erhellt. Jeder Sterbende sollte Gedichte hören dürfen, deren Klang ihn hinaustragen, wenn es Zeit wird, die Flügel der Seele weit auszuspannen.

„Ja, wenn wir in die Sternenwelten hinausschauen, so erscheint uns in diesen Sternenwelten zunächst wie im Raume ausgebreitet eine Welt, welche durch die Menschenseelen, die zwischen Tod und neuer Geburt in diese Sternenwelten hinausgehen, wieder auflebt in der menschlichen Kultur …“

(Rudolf Steiner)