Lebenswinter

Gedanken zum Wert Antrieb

Ab wann haben wir das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden? Wenn die Kinder aus dem Haus sind? Wenn uns gekündigt wird? Wenn wir in Rente gehen oder pensioniert werden? Die Familie führt ihr eigenes Leben, oft weit entfernt. Der Kreis der Freunde wird immer kleiner, der Radius der Wege immer enger. Wenn die Sinne nachlassen, wir schlechter hören, das Essen fade schmeckt und jede Bewegung mühsam wird, dann wird es immer anstrengender, den inneren Antrieb zu bewahren, aktiv zu bleiben und nicht dem Gefühl der Schwere nachzugeben. Kälte hält Einzug.

Wozu noch aufstehen, sich waschen und anziehen, wozu nach draußen gehen, wenn das Leben doch auch durch den Fernseher und Lieferanten zu uns kommen kann? So denkt mancher Hochbetagte. Geht der Antrieb ganz verloren, erlischt der Lebenswille. Wir werden lebensmüde und depressiv. Niemand fragt mehr nach dem, was wir wissen, können und erfahren haben. Niemand schätzt unsere Erfahrung und würdigt unsere Lebensleistung. Wir gehen in Rente und haben noch Jahrzehnte an Leben vor uns. Die Verabschiedung ins vermeintliche Nichts ist ein großer Schritt, über dessen Tragweite wir uns nicht im Klaren sind, wenn wir uns darauf freuen, endlich nicht mehr zur Arbeit gehen zu müssen. Machen wir uns vorher Gedanken darüber, wie wir im Alter leben wollen und noch können? Oder lassen wir alles auf uns zukommen?

„Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern unsere Vorstellungskraft.”
(Emile Coué)

Das Ich

Wie bewahren wir die Geistesfrische, die sich nicht allein auf das Lösen von Sudoku beschränkt, sondern immer noch einen wertvollen Beitrag für das Leben anderer bietet? Mancher Ex-Manager entgeht dem Verlust an Bedeutung und arbeitet als Berater weiter, mancher Künstler wird im Alter immer kreativer, bis er von der Bühne abtritt. Woher nehmen wir den Antrieb, unsere letzte Lebensphase zu planen und zu gestalten? Können wir Erfahrung weitergeben, Mentor für Jüngere sein? Diejenigen, die es sich leisten können, sich Hilfe, Dienstleistung und kulturelle Unterhaltung einzukaufen, scheinen das bessere Los gezogen zu haben. Ihr Alltag wird gestaltet. Doch was gestalten sie?

Ich stelle mir vor, dass mein Körper weiter altert und mein Geist davon unbeeinträchtigt weiterhin wach beobachtet und sich immer neue Dimensionen eröffnet. Ich stelle mir vor, dass meine Seele immer reicher und jünger wird, mein Gefühlsleben tiefer und meine Geduld und Nachsicht mit mir und anderen größer. Ich stelle mir vor, dass ich weiter lerne, wachse und reife und mein Leben und Wirken selbstbestimmt gestalte. Ich stelle mir vor, dass meine Ideen fundierter, meine Sprache prägnanter und mein Können für andere noch wertvoller wird. Und so genieße ich das Gespräch mit anderen, abwechselnd mit der Ruhe des Alleinseins und entgehe der Einsamkeit. Ich stelle mir vor, dass meine innere Freiheit sich weiter ausdehnt und über mein Leben spannt.
Ich stelle mir vor, dass ich immer ich bleibe, bis ich am Ende Ich werde. Das ist mein Antrieb.

„Wenn rings alles stille geworden ist, feierlich wie eine sternklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt mit sich selbst allein ist, dann tritt ihr gegenüber nicht ein ausgezeichneter Mensch, sondern die ewige Macht selbst, dann ist’s als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr: nimmt sich selbst in Empfang. Dann hat die Seele das höchste gesehn, was kein sterbliches Auge sehn, was nie vergessen werden kann; dann empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.”
(Sören Kierkegaard)