Leben verändern, Welt verändern

Gedanken zum Wert Einsamkeit

 

„Du musst das alles aufschreiben“, sagte meine Mutter am Telefon. „Sie bauen hier Schleusen im Flur, und wir sollen alleine im Zimmer essen.“ Ich hatte sie seit Wochen nicht gesehen, die Pflegeabteilung im Altersheim blieb geschlossen. Seit viereinhalb Jahren lebte sie dort. Jeden Tag besuchte ich sie, fuhr sie im Rollstuhl an der frischen Luft in der Sonne spazieren, saß mit ihr im Dachgarten oder im Café, las ihr vor, sang mit ihr, brachte sie ins Bett, spielte für alle Bewohner Klavier und gab Lesungen. All das war plötzlich verboten, gefährlich, untersagt.

Den Bewohnern wurde ein Bezugspfleger zugeordnet, im Fall meiner Mutter bedeutete das, dass sie in einer vollen Windel sitzen musste, bis ihre Bezugspflegerin Zeit für sie hatte. „Sie macht gerade Pause“, erklärte mir die Pflegerin, die ans Telefon ging. „Meine Mutter hat mich gerade auf dem Handy angerufen, sie hat Schmerzen, ihre Haut ist wund. Und warum helfen Sie ihr jetzt nicht?“, fragte ich wütend. „Ich darf nicht ins Zimmer“, war die Antwort. Wochenlang litt sie unter starken Augenentzündungen. Eine Pflegerin hatte ihr mit feuchtem Toilettenpapier die Augen ausgewischt, dick verquollene, rote Lidränder hatte ich noch gesehen, bevor die Station geschlossen wurde. „Ihre Mutter muss in die Augenklinik. Sie dürfen nicht mit“, hieß es am Telefon. „Da sie dafür das Haus verlassen muss, bleibt sie anschließend 14 Tage in Zimmerquarantäne.“

Nachts lag ich wach und fühlte ihr Leid, ihre Einsamkeit. Wie sollte ich sie trösten? Wie sollte ich ihre Stimmung aufhellen, ihre Verzweiflung auflösen? Verlorene Lebenszeit am Lebensende – unwiederbringbar. Ich malte ihr einen Kalender, auf dem sie die Tage abstreichen konnte, brachte einen alten Kassettenrekorder mit Hörbüchern und Musik an die Pforte, beruhigte sie am Telefon, dass bald alles vorbei sein würde und wir uns dann wieder in die Arme nehmen könnten. An Armin Laschet und andere Politiker, die all dies zu verantworten haben, schrieb ich einen offenen Brief. „Können Sie sich vorstellen, 14 Tage lang allein in Ihrem Schlafzimmer auf einem Stuhl zu sitzen?“, fragte ich. Persönlich geantwortet hat nur Hans-Christian Ströbele, ein Ermutiger, dessen Rat, eine Ausnahmeregelung zu erwirken, ich dankbar folgte. Leider ohne Ergebnis. Einmal in der Woche konnte ich meine Mutter am Fenster im vierten Stock stehen sehen, wenn ihr Physiotherapeut sie für ein, zwei Minuten dort hinstellte und festhielt. Ob sie mich gut sehen konnte? Sie zeigte auf ihre Augen. Hören konnte sie mich nicht. Wir winkten uns zu, es zerriss mir das Herz, sie dort allein zu lassen.

Wir feierten das Ende der Zimmerquarantäne am Telefon. Die Pfleger erklärten, dass die Abteilung weiterhin geschlossen bleiben würde. Dürfte meine Mutter wenigstens mit einem Pfleger in den Dachgarten, um die Sonne dort oben zu genießen? Nein. Dürfte ich sie unten im Hausflur sehen? Nein. Weggesperrt, ohne Einwilligung, niemand hat sie gefragt, ob sie so „beschützt“ werden möchte. Jeden Tag wartete ich auf politische Entscheidungen, auf Besuchsregelungen, ohnmächtig, abhängig von Politikern, die unser Leben diktieren. Die Geschäftsführerin des Alters- und Pflegeheims hatte inzwischen gekündigt, das war wohl nicht mehr ihre Welt. Ein Bürokrat löste sie ab. „Siehe Anlage“, lautete seine Antwort auf meine Schreiben. Die Anlage enthielt eine Erklärung, wir Angehörigen hätten sicher Verständnis dafür, dass die Pflegeabteilung innerhalb des Hauses weiterhin geschlossen bleiben würde.

Nein, das hatte ich nicht. Es reichte. Ich telefonierte mit der Freundin einer Freundin, einer Fremden, die ihre Eltern zu Hause gepflegt hatte. Wie wichtig Menschen für uns sein können, wenn sie uns verstehen, zuhören, ermutigen. „Wie groß ist deine Wohnung? Wie arbeitest du selbstständig? Ideal. Mach das“, riet sie mir. Die Mitarbeiterin der Krankenversicherung meiner Mutter sagte: „Ich würde dasselbe für meine Mutter tun. Nutzen Sie die ambulanten Töpfe, die wir haben.“ Die wichtigsten und lebensverändernden Entscheidungen treffe ich immer schnell, in einem Moment. Mit meiner Mutter besprach ich alles am Telefon und teilte dem Haus schriftlich mit, dass sie ihr Recht auf 14 Tage Urlaub in Anspruch nehmen würde. Am 7. Mai kam sie abends bei mir an. Jeden Tag fragte sie: „Es ist so schön bei dir. Darf ich noch ein bisschen bleiben?“ Ich musste nur einen Schreibtisch umstellen. Unterm Fenster steht jetzt ihr Pflegebett, von dort aus sieht sie direkt in den Himmel und in die Bäume. Wir kündigten den Pflegeheimplatz, zahlten einen Monat doppelt, räumten ihr Zimmer, ein paar Möbel stehen im Keller, ein Bild aus ihrer Heimat hängt gegenüber vom Bett.

Ich habe mein Leben umgestellt. Meine Einsamkeit war mir wichtig, wenn ich sie selbst gewählt hatte, um in Ruhe zu arbeiten. Denn ich konnte sie jederzeit verlassen. Ich fühlte mich frei. Wäre ich noch allein, würde ich jetzt durch Deutschland fahren, von einer Demonstration zur anderen, mich für Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit einsetzen, in die Öffentlichkeit gehen. Das ist nicht mehr so einfach möglich, und es macht mich oft traurig, außen vor zu sein. Damit ich arbeiten kann und sie Abwechslung hat, besucht meine Mutter inzwischen an vier Tagen drei unterschiedliche Tagespflegegruppen mit Zugang zu Gärten, kommt immer wieder angeregt zurück und erzählt, was sie mit Gleichaltrigen erlebt hat. Ich reise nur noch zu Kunden, die mir ihre Geschichte erzählen und deren Buch ich schreiben darf, oder treffe sie bei mir zu Hause oder online. Manchmal fühle ich mich einsam vor der Schrecklichkeit des Weltgeschehens. Ich wollte immer etwas bewegen, Menschen durch Kunst berühren und an die Bedeutung ihres Menschseins erinnern. Aber vielleicht brauche ich dafür kein Amt, keine Position, kein öffentliches Auftreten. Vielleicht bewege ich etwas, wenn ich Menschen zuhöre, sie sehe und ihre Geschichte schreibe. Vielleicht bewege ich etwas, wenn ich meine Mutter wasche und ihre Windel wechsle, wenn ich mit ihr koche, erzähle und sie in den Arm nehme. Vielleicht kommt es nur darauf an, dort, wo wir im Leben stehen, tätig zu lieben.

Ich hoffe, auch das verändert die Welt, ganz still, von Innen wirksam, aus der Tiefe heraus.

„Der Mensch für sich allein, überhaupt jedes Wesen abgesondert, ist unglücklich.“ (Wilhelm Heinse)