Karneval

Gedanken zum Wert Ehrlichkeit

mask-3149305_1280 (2)„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel …“ Die Band wiederholt den Refrain, wir schunkeln und singen mit. Frau H. ruft laut „Hallo!“ und bekommt von der Pflegerin noch einen Mini-Berliner in den Mund gesteckt. Mit schwarzer Strumpfhose, rotem Tüllrock und gepunkteten roten Fühlern auf dem Kopf geht sie heute als Marienkäfer. Alle Mitarbeiter und die Direktorin der Seniorenresidenz haben sich kostümiert – vom Cowboy bis zum Flamingo, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dem Putzmann steht die rothaarige Diva ausnehmend gut, unter dem grauen Bart und Kimono des chinesischen Weisen verbirgt sich – kaum zu erkennen – Frau M., die sonst Veranstaltungen organisiert oder Interessenten durchs Haus führt.

Der Saal ist farbenfroh geschmückt, wir sitzen an langen Tischen, auf denen für jeden Geschmack etwas dargeboten ist: Berliner, Salzgebäck, kleine Kuchen, belegte Brote, Kaffee, Tee, Saft und Bowle. Meine Mutter hat sich ihre Maske um den Hals gehängt und löffelt die restlichen Obststückchen aus ihrer Bowle. Ihre Augen glänzen. Herr R. fragt mich wieder, ob ich Ärztin bin, und erzählt mir zum dritten Mal, dass er heute sicher stirbt. Ich hake mich bei ihm unter. Niemand ist allein. Die Stimmung steigt, als die Küchenjungen, Handwerker und Hausmeister mit dem Pflegeleiter einen Tanz aufführen. Die Bewohner, die noch laufen können, lassen sich zur Polonaise animieren. Ab und zu gibt einer der Bewohner eine Büttenrede zum Besten, die mit einem dreifachen „Helau!“ honoriert und beklatscht wird.

Das Essener Prinzenpaar kommt mit Gefolge zu Besuch in den Saal und erhält zum Dank einen Strauß Blumen. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Es wird geklatscht, gesungen und geschunkelt. Selbst diejenigen, die Karnevalsfeiern für überflüssig halten, genießen Kaffee und Kuchen, lassen sich mitreißen, sind Teil der Gemeinschaft. „Am Aschermittwoch ist alles vorbei …“, singt der ganze Saal wehmütig. Meine Mutter wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, und ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange.

Am Ende zählt das Gefühl, endlich in Sicherheit zu sein, von allem genügend zu haben, von anderen gesehen und versorgt zu werden, Freude und Gemeinsamkeit zu spüren und sich an alte Lieder und Zeiten zu erinnern. Nichts ist verloren. Neues kommt hinzu. Ich danke dem Haus, der Direktorin und allen Mitarbeitern für diese Atmosphäre von Überfluss und ausgelassenem Überschwang. Hinter jeder Maske steckte das Herzblut jedes Einzelnen, den Bewohnern einen schönen und unvergesslichen Tag zu gestalten. „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel …“ Ehrlich.

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