Der Mann in der Menge

Gedanken zum Wert Beherrschung

Gestern ein warmer Tag. Das herrliche Sommerwetter zog die Menschen in Scharen an den See. Sie strömten ans Ufer, überfluteten die Bänke des Regattaclubs und ließen sich in den Cafés nieder. Jeder wollte das lang ersehnte Licht im Gesicht spüren, das Kitzeln der Sonnenstrahlen fühlen, jeder wollte einen der wenigen freien Plätze besetzen, den ersten Schluck heißen Kaffees durch die Kehle rinnen und den Blick versonnen übers Wasser schweifen lassen, vom kommenden Urlaub am Meer träumend.

Zwei ältere Herren und ihre Begleiterin ließen eine Gruppe von laut redenden Rennradfahrern vorbei und warteten auf mich. „Kann man über die Brücke am Stauwehr auf die andere Seite gehen?“, fragte mich einer der Herren. Ich bejahte und wir verabschiedeten uns freundlich. Ich ging diesmal ebenfalls über das Stauwehr des Sees auf die Sonnenseite hinüber und bereute es sofort. Statt wie gewohnt mit schnellem Schritt durch die Allee zu streifen, fühlte ich mich von der Menge gebremst. Der Weg war hier nur halb so breit und doppelt so voll wie auf der anderen Seite. Ein falscher Schritt, ein unaufmerksamer Moment und ich lief Gefahr, die abschüssige Böschung hinunterzurutschen und ins Wasser zu fallen. Langsam schlenderte ich hinter Familien mit Kinderwagen und Paaren mit Hunden her, atmete Haarspray, herbes Rasierwasser und süßliches Parfum ein und spähte ungeduldig über die Köpfe der Menschen, bis sich hier und da eine Gelegenheit zu überholen bot.

Einige ältere Damen, die im Sonntagskostüm auf den Bänken seitlich des Wegs Platz genommen hatten, die kleinen Schoßhündchen zwischen den Füßen, musterten argwöhnisch vorübereilende Jugendliche, die mit einem Kasten Bier unterwegs waren. Es war ein unablässiges Kommen und Gehen in beide Richtungen. Jogger schnaubten ärgerlich, wenn sie hinter gemütlich schlendernden und Eis leckenden Familien, die die ganze Breite des Wegs für sich in Anspruch nahmen, auf der Stelle treten mussten. Ich ging an den überfüllten Sitzreihen des Regattaclubs vorbei bis zum Café. Nicht ein einziger unbesetzter Tisch. Sogar auf Holzbohlen, die eine kleine Plattform über dem Wasser bildeten, wurde heute serviert. Ein Vogel zwitscherte angestrengt. Sein Gesang ging im Stimmengewirr und im Klappern des Geschirrs unter. Diejenigen, die einen Platz gefunden hatten, genossen ihr Glück, nahmen sich Zeit, breiteten sich aus. Manche versuchten zu lesen, andere schlossen die Augen und sonnten sich. Ich beobachtete einen jungen Schäferhund, der am sicheren Halt seiner Leine ein erstes Bad im See nehmen durfte. Aufgeregt schnatternd gingen zwei Gänse aufeinander los, ein einsamer Schwan schoss fauchend dazwischen.

Ich setzte meinen Weg fort und gelangte zum alten Schloss. Es musste seit Jahren leer stehen. Soviel ich gehört hatte, sollte eine Managementschule einziehen. Einige Ruhe suchende Spaziergänger folgten mir. Niemand kam mir entgegen. Ich musste erkennen, dass ich in eine Sackgasse geraten war. Der Hof des Geländes war durch eine Baustelle versperrt, einen Durchgang zum See fand ich nicht. Es blieb mir nur, denselben Weg zurückzugehen, auf dem ich gekommen war. Ich dachte daran, wieder die vielen Glücklichen zu sehen, die Sorglosen, die sich ihren Platz auf der Sonnenseite gesichert hatten. All diejenigen, die sich ganz dem Genuss hingeben und einen unbeschwerten Sonntag verbringen konnten. An dieser Stelle des Sees führte keine Brücke hinüber auf die Schattenseite. Als ich am Regattaclub war, hatte sich am Steg eine Schlange von Reiselustigen gebildet, die auf das Anlegen des Ausflugsschiffes warteten. Die Menge teilte sich, als ich mit forschem Schritt geradewegs auf sie zuging.

Ich konnte das Stauwehr bereits aus der Nähe sehen, als mir die beiden älteren Herren mit ihrer Begleiterin wieder entgegenkamen. „Sie waren schneller als wir“, rief mir der eine lachend entgegen. „Und Sie gehen Kaffee trinken?“, fragte ich. „Das haben wir schon, aber wenn wir uns heute noch einmal sehen, laden wir Sie zum Cappucino ein.“ Seine blauen Augen strahlten mich an, er war von kleiner Gestalt, weißhaarig, hielt sich aufrecht, sein dunkelrotes Halstuch verlieh ihm ein kultiviertes Äußeres. Sicher ein interessanter Gesprächspartner, eine schöne Begegnung. Wir verabschiedeten uns und ich wusste, dass wir uns nie wiedersehen würden. Ein Anflug von Traurigkeit stieg in mir hoch. Ich beherrschte mich, kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an und wandte mich der Schönheit des Ortes zu. Ich würde bis zum Stauwehr zurückgehen, auf der Brücke die hoch aufspritzenden Tropfen des Wasserfalls der Staustufe im Gesicht spüren und, am unteren Ende der Treppe angekommen, den Regenbogen, der sich im Dunst der aufstiebenden Wasserspritzer bildete, bewundern. Ich würde erleichtert aufatmen, auf der Schattenseite des Sees angekommen zu sein, menschenleer und ruhig. Ich machte mich auf den Rückweg. Ein gleißender Streifen goldfarbenen Sonnenlichts funkelte auf der Wasseroberfläche. Für einen Moment war ich glücklich.

„Heiterkeit als herrschende Grundstimmung ist ein wesentliches Kriterium der Selbstbeherrschung.“ (Richard Rothe)