Der Geschmack der Worte

Gedanken zum Wert Begeisterung

Vielleicht ist es ein Zeichen des Älterwerdens, dass ich mich stärker als früher begeistern kann. Oder sehe und höre ich nur genauer hin, schmecke und erlebe intensiver?

Waren es mit Zwanzig die großen Ideen der Philosophen, für die ich Feuer und Flamme war, Gedanken, mit denen ich die Welt verbessern wollte, und vor allem die Kunst, die ich am liebsten jedem eingeflößt hätte, um sein Herz zu berühren und ihn daran zu erinnern, dass wir alle größer sind, als wir ahnen, so sind es inzwischen gewisse Momente, die mich begeistern: der Geschmack knackiger süßer Mandeln, von dunkler Schokolade ohne Zucker umhüllt, ein Glas dunkelroter, schwerer Rotwein aus der Toskana, die ersten Takte von Mozarts Requiem oder aus einem Klavierkonzert von Rachmaninov, ein unvermutet schöner Abendhimmel auf der Heimfahrt und das leise Knistern der Stille, bis sie in den Ohren zu dröhnen scheint.

Eines hat mich allerdings schon immer begeistert: Ich schlage ein Buch auf und höre innerlich den Text, folge dem Rhythmus und Klang der Sprache und weiß: Ja! Wie schön, welche Wortwahl, wie berührend und klug, differenziert und facettenreich! Das ist Literatur, poetisch, groß. – Ich vergesse die Zeit, lasse mich tragen vom anderen Sprachstrom, der mich umspült, tauche in ihn ein wie in warmes Wasser, bade in Worten.

Ein gutes Buch ist wie ein Freund, mit dem ich im Gedankenaustausch stehe, ein Stück Leben teile. In manche schreibe ich hinein, mache Bemerkungen am Rand, unterstreiche Zeilen, die mir wichtig erscheinen, knicke Eselsohren in die Seiten, die es mir später erleichtern, eine besondere Stelle im Text auf Anhieb wiederzufinden. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, wenn es passt. Ein gutes Buch tröstet mich, beflügelt, bringt mich zum Lachen, eröffnet mir eine ganz neue Welt. Ich bin dankbar, dass ich an ihr teilhaben darf, unvergleichliche Worte kosten kann und sie schmecken dunkel, warm und klar. Sie schmecken nach fremder Heimat.

„Die höchste künstlerische Begeisterung hat den Charakter der größten Ruhe und Klarheit.“ (Karl W. F. Solger)