Begegnung mit Konrad Schily

Gedanken zum Wert Autorität

601469_1_1210_wt-Dr_Konrad_Schily„Dr. Konrad Schily – Dr. Heike äh …” „Jacobsen”, ergänzte ich. Nachdem Dr. Ibrahim Abouleish uns einander vorgestellt hatte, entschuldigte er sich, um sich auf seinen Vortrag einzustimmen. „Ich bin Eurythmistin”, sagte ich und gab ihm die Hand. Konrad Schily verzog die Mundwinkel. „Und Vorstandsreferentin am Goetheanum.” „Schon besser.” Seine tiefe Stimme gefiel mir. Der Schalk in seinen Augen verlieh ihm einen jungenhaften Charme und gab mir das Gefühl, mit ihm ganz offen reden zu können. „Und ich will da weg.” Er schmunzelte. „Beraten Sie die Universitätsgründung in Sekem?”, fragte ich. Der Gong läutete, wir mussten unsere Plätze einnehmen. Der Saal war voll.

In der Pause wurde er von vielen belagert, schüttelte immer wieder Hände und ich hörte amüsiert, wie er unterwegs manches Gespräch mit dem Satz „Ich bin mit der Frau da hinten verabredet” beendete, bis er am Ende der Sitzreihe bei mir ankam. „Ich komme Sie mal in Herdecke besuchen. Dann können wir uns ausführlich unterhalten”, schlug ich vor und wir vereinbarten einen Termin. Mit dem Gefühl, dass etwas in Bewegung geraten war, das mein Leben verändern könnte, fuhr ich zurück in die Schweiz.

„Wer wirklich Autorität hat, wird sich nicht scheuen, Fehler zuzugeben.”
(Bertrand Russell)

Mein erster Besuch in seinem Büro dauerte fünf Stunden. Das war kein Bewerbungsgespräch. Es war, als würden wir uns von irgendwoher bereits kennen und vertrauen. Er zeigte mir die Universität und ich hatte Mühe, mit seinem dynamischen Schritt mitzuhalten. „Ich kann mich auch mal vor dem ganzen Plenum entschuldigen, wenn es angebracht ist”, sagte er, als wir durch die Eingangshalle gingen. Großartig!, dachte ich und liebte ihn dafür. Wir erzählten uns viel voneinander und am Ende des Gesprächs stand fest: Wir gehen nach Sekem. Ich wäre mit ihm überall hingegangen. Konrad Schily setzte sich an den Laptop und schrieb an Ibrahim Abouleish. „Ich werde aber nicht in Sekem wohnen und jeden Morgen mit allen im Kreis stehen und singen”, bemerkte ich, während ich ihm über die Schulter schaute und mitlas, welches Gehalt er Abouleish für mich vorschlug. „Ich aber. Sie können ja dann mal sehen, wie Sie als blonde Frau alleine in Kairo zurechtkommen”, konterte er und lachte.

Er war damals 66, ich 40. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wenn er sich kurze Zeit darauf nach einem Besuch in Sekem nicht doch dagegen entschieden hätte. Alleine nach Ägypten gehen, das wollte ich nicht. Das traute ich mir damals nicht zu. „Sind Sie auch an Luxemburg interessiert? Ich bin da im Advisory Board einer internationalen Universitätenstiftung, die nach Munsbach umzieht. Wir sollten uns mal mit dem Generalsekretär zusammensetzen.” Sein Anruf freute mich. Der Wind pfiff durch den Hörer und ich sah vor mir, wie er mit schnellem Schritt spazieren ging, die Zeit für Telefonate nutzend. Luxemburg? Warum nicht?, dachte ich. Ich konnte nicht ahnen, dass ich dort mein Glück nicht finden würde. Wir arbeiteten leider nicht zusammen, trafen uns nur gelegentlich. Unsere Begegnung hat mein Leben dennoch verändert und bereichert.

Inzwischen sind 11 Jahre vergangen. Zu Geburtstagen hören wir manchmal noch voneinander. Konrad Schily ging in die Politik und hat gerade wieder ein großes Universitätsprojekt beraten, wie er mir zuletzt schrieb. Nie wieder bin ich einem Menschen begegnet, der in solchem Maße wie er fachliche und persönliche Autorität und aufrichtige Integrität, Erfahrung und Erneuerungskraft mit Natürlichkeit im Umgang und dem angenehmen Charisma eines jung Gebliebenen, der nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund stellt und gerade so seiner Bedeutung gemäß lebt, in sich vereint. Ein schöner Mensch, ein toller Mann. Wenn ich an vorbildhafte und souveräne Autorität denke, denke ich an ihn. Und ich liebe ihn immer noch.

„Aufgeklärtheit und Aufrichtigkeit sind also der wahre Maßstab für Autorität in der Rede.”
(Denis Diderot)