Unternehmer-Porträt Annette Lipfert

„Hast du Angst vor großen Hunden? Nein? Komm rein und frühstücke mit uns“, sagt Annette Lipfert und stellt mir ihren Mann Norbert vor, während die beiden Mischlingshunde aufgeregt  umherlaufen und mich neugierig beschnüffeln. Nach dem Frühstück am langen Holztisch nehmen wir auf der Terrasse Platz. Die Sonne steht hoch am Himmel, Annette schenkt frisches Minzwasser nach, die Hunde dösen im Schatten.

Mit raspelkurzen dunkelbraunen Haaren, die ihre freundlichen weichen Gesichtszüge umrahmen, einer schwarzen Brille und dezentem Schmuck zu Jeans und weißer Bluse wirkt die Anfangfünfzigerin gleichzeitig akkurat wie unkompliziert natürlich.

„Wenn man mich kennen lernt, sieht man nur, wie viel  Verschiedenes ich mache, aber der Antrieb dazu ist immer Menschen verbinden und Wissen teilen“, beginnt sie. „Beruflich bin ich Strategieberaterin und begleite Unternehmen, die sich neu ausrichten wollen, in Veränderungsprozessen. Erleben kann man mich in Seminaren und Workshops zu Führung, Kommunikation und Auftritt, und mein Highlight sind hundegestützte Führungskräftetrainings.“ Sie schmunzelt. „Außerdem bin ich für die Meisteranwärter Dozentin für Unternehmensstrategie und Marketing an der Handwerkskammer, und begleite beratend ein internationales Unternehmernetzwerk.“

Nach einigen beruflichen Stationen in der freien Wirtschaft arbeitete die studierte Diplom-Kauffrau in einem inhabergeführten Unternehmen der Zeitarbeitsbranche, das sie damals als vorbildlich empfand: „Nachdem ich vorher in der Zeitarbeit sehr schlechte Erfahrungen machen musste, gab es hier eine tolle Führungskultur, eine extreme Mitarbeiter- und Werteorientierung und besondere Unterstützung für Frauen. Unternehmerin im Unternehmen sein habe ich dort gelernt. Als Mitglied der Geschäftsleitung konnte ich den gesamten Prozess vom inhabergeführten Unternehmen, über Umwandlung in eine AG, Einsetzen eines bestellten Vorstands, An-die-Börse-Bringen bis hin zum Verkauf sehr eng begleiten. Mit vielen Fehlern, die man dabei machen kann“, lacht sie. „Vieles ist auch gut gelaufen.“ Nach dem Verkauf an ein Unternehmen, dessen Werte sie absolut nicht mittragen konnte, entschied sie sich nach vielen schlaflosen Nächten, Gesprächen mit dem Vorstand und Kollegen schließlich dennoch zu gehen. Ihre wichtigsten Werte? Loyalität und nachhaltige Aufrichtigkeit. Sich arrangieren und verbiegen – für Annette Lipfert keine Option. „Die Wertschätzung der Mitarbeiter ist ein sehr wichtiges Thema. Ich sollte nach 13 Jahren, in denen ich als Führungskraft diese Werte gelebt und umgesetzt habe, plötzlich vor meinen langjährigen Mitarbeitern gegen meine Überzeugung handeln. Das konnte ich nicht mehr leben.“

Sie kündigte, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Mutig, optimistisch, selbstbewusst. Sich in Ruhe zurückzuziehen und neu auszurichten war ihr kaum möglich, denn plötzlich kamen sehr viele Unternehmen auf sie zu und warben um ihre Mitarbeit. Konzerne lehnte sie aufgrund der dort vorherrschenden Philosophie ab, nur freie Projekttätigkeit kam für eine Weile infrage. „Nach vier Jahren wollte ich auch das nicht mehr. Selbst als Externe bekommt man die politischen Spiele mit. Entweder ich kann etwas bewegen oder ich lasse es.“ Seit 10 Jahren ist sie selbstständig. „Alles, was ich tue, hat damit zu tun, Menschen miteinander zu verbinden. Das ist meine große Leidenschaft. Welcher Mitarbeiter zu welchem Kunden passt – das habe ich in der Zeitarbeit gelernt, und da kommt es oft mehr auf das Menschliche als auf die Qualifikation an“, betont sie. Auch für ihre Arbeit im Unternehmernetzwerk nutzt sie ihr Talent, Persönlichkeiten ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend stimmig miteinander in Kontakt zu bringen. „Schon als Kind bin ich nie vorneweg gerannt, sondern war eher der Klebstoff in der Gruppe, beobachtend, besonnen, ausgleichend.“

Als Mädchen verbrachte sie ihre gesamte Freizeit auf dem kleinen Bauernhof ihres Onkels, der einige wenige Nutztiere hatte. „Das hab ich geliebt“, schwärmt sie von dieser naturverbundenen Zeit. „Auch das Schlachten der Tiere habe ich miterlebt. Eine gute Lebensschule über den gesamten Kreislauf von Leben und Tod. Später hat mir das sogar geholfen, meine Großmutter und meine Eltern zu pflegen und bis zum Tod zu begleiten. Meine Mutter war mir immer eine enge Freundin und ein großes Vorbild, deshalb wollte ich als Kind auch später Hausfrau und Mutter werden. Bei mir kam es dann doch anders: Ich stand vor der Geburt meines Sohnes praktisch mit dem Laptop vorm Kreißsaal und hab anschließend weitergearbeitet, so erfüllt war ich von meinem Beruf.“ Sie lacht. „Mein damaliger Chef hat am liebsten mit Frauen gearbeitet und uns enorm unterstützt. Für meine Mutter hat er sogar ein Zimmer gebucht, wenn ich auf Tagungen war, damit sie das Baby hüten konnte, bis ich zum Stillen kam. Sensationell.“

Sobald ihre berufliche Situation es ihr ermöglichte, nahm sie einen Hund aus dem Tierheim zu sich, der sie überallhin begleitete. Nach einem Lehrgang als Zughundetrainerin gründete sie 2012 die erste Zughundeschule im Rhein-Main-Gebiet, die sie letztes Jahr wieder schloss.

Die Einfühlsamkeit, mit der Annette Lipfert Hunde, Menschen, Situationen beobachtet und einschätzt, und ihre Gabe, ruhig und besonnen zu erklären und zu führen, zeigte Wirkung: Kunden schlugen ihr vor, ihre Hunde in die Arbeit als Unternehmensberaterin einzubeziehen. „Leute, die Zughundesport treiben, sind meist Unternehmer oder leitende Angestellte. Das führte zu der Symbiose, und die nächste Idee war geboren: Ich kannte pferdegestütztes Führungskräftetraining, das kann man auch mit Hunden machen. Also habe ich noch mal eine Ausbildung durchlaufen und leite seitdem hundegestützte Führungskräfte-Workshops für die Kunden, die das möchten.“ Auf ihrem großen Garten-Gelände von 2500 Quadratmetern mit Seminarhaus und Grillplatz bietet sie Trainings zu Führung und Körpersprache – etwas, worauf Hunde sofort spiegelnd reagieren und so unverfälschtes Feedback geben. Die Übungen werden auf Video aufgenommen und anschließend ausgewertet. „Beobachten, interpretieren und bewerten – das muss man als Führungskraft zuerst lernen. Wir machen das hier entspannt und auf spielerische Art und Weise, manche bringen auch ihren eigenen Hund mit. Das gemeinsame Thema verbindet eine Gruppe sofort“, erklärt Annette.

In ihrem neusten Projekt ist sie Mitbegründerin des Vereins Courage hoch Drei. Sie erklärt mir die drei Bereiche: erstens Menschen auf Lebensbänken ein unterstützendes Gesprächsangebot machen, zweitens Geschichten aus dem Leben in Zusammenarbeit mit mir wertschätzend schreiben lassen und in einem Sammelband veröffentlichen und drittens zu vielfältigen Lebensthemen interessante und fachkundige Inhalte anbieten. „Wir haben alle drei unsere Jobs und wollen hier unsere Ideen und Impulse einbringen und umsetzen.“ Es geht um Menschlichkeit, Begegnung, Ermutigung. „Wir wollen die Geschichten erzählen, die das Leben schreibt, z.B. dass du jetzt deine Mutter aus dem Pflegeheim zu dir geholt hast. Meine Geschichte: Ich habe meinen Vater zu Dignitas begleitet. Und ich finde, mein Vater hat einen schweren, aber guten Weg gewählt. Für mich die Option, wenn ich den Mut hätte“, betont sie. Der Ernst in ihren Augen lässt mich die Tragweite dieser Entscheidung spüren, die ihr Vater vorausschauend und selbstbestimmt für sich getroffen und in der sie ihn als Tochter bemerkenswert freilassend unterstützt hat. „Er stand kurz vor seinem 92. Geburtstag, hatte neun Monate vorher bereits einen Selbstmordversuch unternommen und ist so friedlich und glücklich gestorben, und wir waren alle dabei. Unser Sohn war damals 17, nicht selbstverständlich. Diese Geschichte mit allen Höhen und Tiefen, Krisen und Kämpfen werde ich erzählen.“ Ein wichtiges Lebensthema in einer Gesellschaft, die mit dem Tod und würdevollen Sterben insgesamt nicht gut umzugehen gelernt hat.

Ihre Zukunft sieht Annette Lipfert darin, mit ihrem Mann, der ebenfalls selbstständig ist, ein gutes Leben zu führen, frei zu entscheiden und nur noch die Dinge zu tun, die Freude bringen. „Wir träumen davon, uns vielleicht in einigen Jahren in Frankreich niederzulassen – zumindest für die Hälfte des Jahres – und zwischen den Welten zu pendeln“, schmunzelt sie. „Ich gehe gerne weg, komme aber auch gerne wieder heim. Auf jeden Fall werde ich immer etwas tun, natürlich weiterhin mehrgleisig, mit sozialem Engagement, mit meinen Hunden und im Einklang mit der Natur. Die Vielseitigkeit ist mir wichtig.“ Ihre Zuversicht und ihr Vertrauen ins Leben gründen auf ihrer Liebe zur Natur. Über die Tierkommunikation verfeinerte sie ihren Spürsinn, interessiert sich neuerdings mehr für Spiritualität und Medialität. Annette bleibt in Bewegung und öffnet sich neuen Dingen.

Menschen, die etwas bewegen wollen, ziehen sich an, weiß sie. Ihr Netzwerk ist enorm groß. Mit guter Menschenkenntnis, freundlichem Feingefühl und kluger Strategie bringt Annette Lipfert Menschen in Verbindung untereinander, mit sich selbst und der Natur. Am Abend wird sie Teilnehmern und Gästen des Unternehmernetzwerks in ihrem Garten in ungezwungener Runde beim Grillen den Rahmen bieten, persönliche und berufliche Kontakte zu knüpfen.

„Komm, wir machen noch ein Selfie für Courage hoch Drei, das schicke ich gleich den beiden anderen“, schlägt sie vor und begleitet mich zum Auto. Wir verabschieden uns herzlich. Lächelnd blickt sie auf ihr Handy, während sie ins Haus zurückgeht. Die Hunde warten ruhig am Gartenzaun.