Am Ufer

Gedanken zum Wert Demut

Wie jeden Morgen sitzt er am Ufer des Flusses und meditiert. Barfuß auf den Fersen hockend, finden seine Zehen Halt an der Kante der obersten Treppenstufe. Er richtet sich auf, wendet Gesicht und Arme gen Himmel, Daumen und Zeigefinger schließen sich leicht zu einer Mudra. Er ist bereit zum Gespräch mit den Göttern, in ihm, um ihn, bietet sein Leben dar, nimmt es hin, wie es ist. Hadert nicht, will nichts, bejaht sein Dasein.

Er schließt die Augen, lauscht, beobachtet Innenwelten. Ein Vogel setzt sich keckernd auf den Stufen nieder, putzt sein Gefieder. Der Morgennebel streift seine nackte Haut, Wärme strömt aufwärts, kommt zur Ruhe, fließt in kleinen Wirbeln, wird Rhythmus. Leben rauscht kraftvoll.

Wetterwechsel der Seele durchziehen sein Inneres, er beobachtet vertraute Gefühle, nimmt sie in Augenschein, lässt sie näherkommen und wieder gehen. Ernst und offen folgt er wach dem Vorüberziehen seiner Gedanken. Konzentriert bildet er leuchtende Formen, fasst sich in Vergegenwärtigung, steigt in Tiefen und schwingt sich zu neuer Höhe auf.

Schließlich beobachtet er sich als Beobachtenden. Ein Wort formt sich in ihm: frei.

Der Vogel fliegt auf, ein Boot nähert sich. Er dankt dem beginnenden Tag und all dem, was er mit sich führen mag.

„Größe und Demut schließen einander nicht aus.“ (Wilhelm Dilthey)